Forschung und Entwicklung sind kostenintensive Unterfangen, für die oft nur begrenzt finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Wie entscheidend ist die staatliche Finanzierung für Ihre Arbeit im Bereich Quantencomputing und welchen Beitrag können öffentliche Einrichtungen Ihrer Meinung nach leisten?
Dr. Irene Sánchez Arribas: Sie ist sehr entscheidend. Die Unterstützung von Universitätsgruppen, die unsere Steuerelektronik nutzen, um die Grenzen des Quantencomputings zu erweitern, ist für uns von großer Bedeutung. Zudem ermöglicht sie die gemeinsame Entwicklung mit akademischen und industriellen Partnern durch öffentlich finanzierte Projekte. So sind wir bei Zurich Instruments beispielsweise Partner von QSolid und MUNIQC-SC, zwei öffentlich finanzierten Projekten in Deutschland, die beide darauf abzielen, einen supraleitenden Quantencomputer in Deutschland zu bauen. Der Großteil der aktuell erworbenen Quantencomputer wird im öffentlichen Sektor eingesetzt, insbesondere in Hochleistungsrechenzentren. Dies wird durch erhebliche öffentliche Mittel in Europa unterstützt, vor allem durch große EU- und nationale Programme. Diese frühen Systeme tragen dazu bei, das Bewusstsein für Quantencomputing zu schärfen. Darüber hinaus dienen sie als Plattformen für die Entwicklung von Infrastruktur und Basistechnologien sowie von Algorithmen und ersten Anwendungen.
Als Akteure, die Forschung und Industrie miteinander verbinden und neue Impulse setzen: Ist es da zutreffend zu sagen, dass wir Teil eines größeren „Quanten Ökosystems“ sind und wie sieht dieses aus?
Christian Dille: Das Ökosystem der Quantentechnologie umfasst alle Akteure und Aktivitäten, die erforderlich sind, um Quantenideen in reale Lösungen umzusetzen: Universitäten, die sich mit Grundlagenforschung befassen, Unternehmen, die spezielle Hardware und Software entwickeln, Systemintegratoren, Start-ups, die Anwendungen entwickeln und Regierungen, die Forschung und Innovation unterstützen. Man kann sich das als eine Gemeinschaft vorstellen, die durch ein gemeinsames Ziel vereint ist, die Weiterentwicklung der Quantentechnologien. Jeder Teil leistet einen wesentlichen Beitrag, seien es wissenschaftliche Erkenntnisse, technisches Know-how, Finanzierung oder Talentförderung. Nur durch eine effektive Interaktion zwischen all diesen Elementen kann die Quantentechnologie von der frühen Forschung zu praktischen Werkzeugen weiterentwickelt werden, die der Industrie und der Gesellschaft zugutekommen.
Kommen wir noch einmal auf die Quantensensorik zurück. Wie würden Sie deren Reifegrad im Vergleich zu dem des Quantencomputings beschreiben, über das wir zuvor gesprochen haben?
Dr. Irene Sánchez Arribas: Quantencomputer haben zwar große öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sind aber technisch noch nicht für den kommerziellen Einsatz bereit. Die Quantensensorik hingegen ist da schon weiter fortgeschritten. Quantensensoren sind bereits unverzichtbare Komponenten in vielen Anwendungen. Einige dieser Technologien sind bereits kommerzialisiert, wie beispielsweise Quantengravimeter. Andere befinden sich in der Systemprototypenphase, wie beispielsweise Quantenmagnetometer für Anwendungen in der Hirndiagnostik. Und wieder andere, wie beispielsweise Stickstoff-Vakanz-Sensoren, befinden sich derzeit in der Felddemonstrationsphase oder in fortgeschrittenen Laborprototypenphasen.
Man könnte demnach also sagen, dass die Quantensensorik bereits einen sehr praktischen Stand erreicht hat. Für welche Branchen ist die Quantensensorik denn eigentlich relevant?
Christian Dille: Die Fähigkeit der Quantensensorik, unglaublich subtile magnetische, elektrische oder gravitative Signale zu erkennen, öffnet Türen, die zuvor unzugänglich waren. Im Gesundheitswesen könnten hochempfindliche Magnetsensoren die nicht-invasive Bildgebung von Gehirn und Herz zugänglicher machen, die Forschung im Bereich der nanoskaligen Kernspinresonanzspektroskopie ermöglichen. Dies könnte durchaus zu der Entwicklung tragbare oder kompakter MRI-ähnlichen Geräten führen. In der Halbleiterindustrie bieten Quantensensoren neue Möglichkeiten zur Analyse von Fehlern und zur Optimierung von Prozessen durch die präzise Messung von Strömen und Magnetfeldern. Die Luft- und Raumfahrt sowie die Verteidigung werden von Quantenbeschleunigungsmessern und Gravimetern profitieren, die eine zuverlässige Navigation ohne GPS ermöglichen und dabei helfen, versteckte oder unter Wasser liegende Objekte zu erkennen. In der Öl-, Gas- und Bergbauindustrie können quantenunterstützte Schwerkraft- und Magnetsensoren klarere Untergrundkarten erstellen und so die Explorationsrisiken verringern. Ultrastabile Atomuhren werde eine Schlüsselrolle in der Telekommunikation, im Finanzwesen und in kritischen Infrastrukturen spielen, indem sie die Synchronisation verbessern und sichere, zeitkritische Netzwerke ermöglichen. Das ist unerlässlich für Technologien wie 6G und Rechenzentren. Einfach ausgedrückt: Überall dort, wo Präzision zählt, hat die Quantensensorik das Potenzial, bahnbrechende Veränderungen zu schaffen.
Last but not least: Was sind Ihre persönlichen „Aha-Momente” , die Sie bei Ihrer Arbeit mit Quantentechnologie erlebt haben?
Dr. Irene Sánchez Arribas: Für mich ist die Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung und des Fortschritts einfach atemberaubend. Man muss sich nur ansehen, wie weit wir in den letzten zehn Jahren gekommen sind. Natürlich kann niemand die Zukunft vorhersagen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Quantentechnologie das Leben aller Menschen tiefgreifend verändern und der Gesellschaft große Vorteile bringen wird.
Christian Dille: Das ist wirklich eine schwer zu beantwortende Frage, weil es so viel gibt. Aber wenn ich darüber nachdenke, bin ich irgendwie jedes Mal überrascht, dass die Quantensensorik ausgereifter ist als das Quantencomputing, obwohl ich das natürlich weiß. Das liegt wahrscheinlich daran, dass das Quantencomputing so viel öffentliche Aufmerksamkeit erhält, dass sich meine Wahrnehmung unbewusst verschoben hat